Geschichte der Syphilis

Die Syphilis (Lues venerea, harter Schanker oder Franzosenkrankheit genannt) ist eine Infektionskrankheit, die zur Gruppe der sexuell übertragbaren Erkrankungen gehört. Der Erreger der Syphilis ist das Bakterium Treponema pallidum. Die Syphilis wird hauptsächlich bei sexuellen Handlungen durch Schleimhautkontakt und ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen. Während der Schwangerschaft und bei der Geburt kann eine erkrankte Mutter die Infektion auf ihr Kind übertragen.


Ausbruch der Erkrankung

Angst und Schrecken verbreitete die "Lustseuche" Syphilis gegen Ende des 15. und im gesamten 16. Jahrhundert. Kolumbus und seine Besatzung verdächtigte man die Erkrankung 1492 aus dem neu entdeckten Amerika mitgebracht zu haben. Allerdings werden auch die Wickinger dafür verantwortlich gemacht schon viel früher als Kolumbus daran erkrankt und den Erreger bei ihrer Expansion nach Amerika eingeschleppt zu haben. Da nicht anzunehmen ist, dass Treponema pallidum eine Neuschöpfung der Natur ist, sondern schon seit Jahrtausenden in der Lage ist Menschen zu infizieren, sollten Syphiliserkrankungen eine viel weiter zurückliegende Geschichte besitzen. Dazu passen 4000 Jahre alte Knochenfunde aus Kalifornien, USA.

Ungeachtet des Ursprungs der Seuche hielt seit dem Jahr 1492 eine neue Form der Geschlechtskrankheit ihren Siegeszug in Europa und machte vor keiner sozialen Klasse halt. Sie war allgegenwärtig und kennzeichnete die Erkrankten durch Geschwüre, Pustel und vernarbte Köpfe. Vielleicht war dies der Grund, warum Perücken zum gesellschaftlichen Status wurden.

Die Verbreitung innerhalb Europas lässt sich aus den zahlreichen Namen für die Syphilis ableiten. Zuerst wurde sie im Jahr 1495 in Neapel beschrieben als ein französisches Heer die Stadt belagerte. Spanische Söldner dienten im französischen Besatzungsheer und im Heer der belagerten Stadt. Diesen kann die erste Verbreitung der Infektion innerhalb der Heere zugeschrieben werden. Entsprechend der französischen Belagerung entstand jedoch die noch in die Neuzeit reichende Bezeichnung "Französische Krankheit". Die Franzosen gaben der Syphilis hingegen den Namen "Neapolitanische Krankheit". Auch die Engländer benannten Frankreich und Spanien als Verursacher. Durch die Verbreitung nach Schottland entstand der Name "Englische Krankheit". Weiter ging es über Schottland nach Norwegen. Dort wurde der Name "Schottische Krankheit" geprägt.  Es ist nicht schwer zu erraten wem die Russen die Schuld an der Erkrankung gaben, als sie diese als "Polnische Krankheit" kennzeichneten.



Umgang mit der Erkrankung Syphilis

Schon gegen Ende des 15. Jahrhunders. wussten die Menschen, dass man sich die Syphilis hauptsächlich über Geschlechtsverkehr zuziehen konnte. Diese Erkenntnis war der Grund für die Erfindung des Kondoms aus Leinen oder Seide. Aber die Syphilis konnte auch durch Berührung erkrankter Haut- bzw. Schleimhautstellen, durch das Tragen der Kleidung von Infizierten und durch die Benutzung ihres Eß- und Trinkgeschirrs übertragen werden. Die wahre Ursache für die Entstehung der Erkrankung war für die Menschen jener Zeit jedoch ein Mysterium.

Wie zu Zeiten des späten Mittelalters üblich, wurden Sterne und Planeten für das Auftreten der Syphilis verantwortlich gemacht. Dies besonders, als sich die Planeten Saturn und Jupiter in einem den Geschlechtsteilen zugeordneten Sternbild, dem Skorpion, versammelt hatten. So geschehen 1484. Der Zusammenhang der Sterne und das Auftreten von Krankheiten entsprang der Anschauung von Alchemisten. In deren Sichtweise bildeten Mikrokosmos und Makrokosmos eine Einheit. Aber auch göttliche Strafe oder Prüfung war die gängige Erklärung.

Eine auf die hippokratische Medizin ausgerichtete Erklärung vom Ungleichgewicht der Säfte als Ursache einer Erkrankung war eine verbreitete Sichtweise. Sie ließ jedoch keine zielgerichtete Therapie außer dem Aderlaß zu. Umso erstaunlicher war das Aufkommen modern anmutender Beschreibungen über die Art der Ausbreitung von Pest und Syphilis zu Beginn des 16.Jahrhunderts. Es wurden stoffliche Überträger als Verursacher der Syphilis postuliert. Solche "Krankheitssamen" konnten sich durch die Luft, über Tröpfchen oder Kleidung von Mensch zu Mensch verbreiten und eine Infektion auslösen. Betrachtungen dieser Art entstanden mehr als 300 Jahre vor der Entdeckung der Bakterien. Wenn auch das Verständnis über die Existenz solcher nicht sichtbarer Überträgerrstoffe im allgemeinen noch schwer fiel, so entwickelte sich darüber eine
Therapieform, die jedoch ebenfalls meist tödlich endete.
Man besann sich auf die überlieferte Anwendung von Quecksilber bei Hautkrankheiten. Sollte ein Erreger wirklich existieren, so sollte dieser durch Quecksilbersalben doch unschädlich gemacht werden können. Die Patienten wurden daher über Monate hinweg mit Quecksilbersalben eingerieben und durch anschließende Hitzeanwendungen so lange behandelt, bis sich die vermeintliche Wirkung durch das Schwermetall bemerkbar machte. Ausfallende Zähne, Schmerzen und massiver Speichelfluss waren Kennzeichen schwerer Vergiftungserscheinungen. Sie wurden aber als Reinigungsvorgang im Sinne der Säftelehre verstanden. Trotz oft tödlichem Ausgang waren solche Tortouren noch einige Jahrhunderte hindurch das Mittel der Wahl.


Die Syphilis verändert die sexuelle Kultur des Mittelalters

Die Menschen im Mittelalter hatten prinzipiell ein durchgehend ungezwungenes Verständnis von Sexualität. In Zeiten der Eroberungszüge war es selbstverständlich, dass ein Tross Frauen als Prostituierte mit in den Kampf zogen. Der Beischlaf wurde als Notwendig zur Erhaltung der Gesundheit verstanden. Frauenhäuser waren selbstverständlich und geachtet. Die Hure hatte ein nicht geringes Ansehen. Allgegenwärtige Badehäuser dienten nicht nur der Reinigung oder Entspannung, sondern waren Begegnungsstätten mit auch sexuellem Hintergrund.
All dies änderte sich mit Ausbruch der Syphilis. Die Erkenntnis vom Geschlechtsverkehr als primäre Ursache der Verbreitung von Syphilis veränderte die ethische, moralische und religiöse Bewertung von Sexualität. Sie wurde zunehmend mit Angst besetzt. Die vormals geachtete Hure wurde zum Übermittler der Krankheit und daher zunehmend geächtet. Aber auch der häusliche Beischlaf geriet in Verruf und Badehäuser wurden zum Risikofaktor.  Mit diesen verständlichen prophylaktischen Bewertungen der Sexualität festigte sich mehr und mehr die Forderung nach einem keuschen Lebensstil.


Stadien der Erkrankung

Hatte man sich angesteckt, bildeten sich im Stadium I zunächst an den Genitalien oder je nach Infektionsort auch an anderen Stellen des Körpers wie Mund oder Anus flache Hautgeschwüre. Markstückgroße Hautknoten, die von einer gelblich-dicken Borke überzogen sein können, bilden sich zusammen mit den umliegenden Lymphknoten. Die Infektionsstelle ist schmerzfrei. Erst nach 4 bis 6 Wochen verheilen diese Geschwüre unter Bildung von Narben spontan ab. Bei einigen Erkrankten beginnen die Knoten jedoch zu wuchern und tiefe Geschwüre auszubilden. Das Stadium I ist hochinfektiös.

Nach Abklingen der ersten Symptome tritt die Erkrankung unbehandelt 4 bis 10 Wochen nach Infektion in das Stadium II ein. Der Erreger hat sich bis dahin über die Lymphbahn ausgebreitet und harte Schwellungen vieler Lymphknoten und Fieber erzeugt. Dazu kommen Müdigkeit, Kopf-, Gelenk- oder Muskelschmerzen. Erneut treten juckende Hautausschläge auf. Die Schleimhäute im Mund bilden weißliche Beläge. Der Erkrankte ist weiterhin als  infektiös zu betrachten. Auch diese Symptome verschwinden
mit der Zeit wieder, um mit Hautgeschwüren, Pappeln oder Hautverfärbungen immer wieder neu aufzuflammen.

Im nachfolgenden Stadium (Stadium III), oft nach Jahren ohne Symptome,  treten erneut große Geschwüre mit käsig-krümmeliger Flüssigkeit überall am Körper auf. Dabei sind auch innere Organe betroffen. Lungenzerfall, Herzmuskelerkrankungen, Leberschrumpfung, Gefäßerkrankungen, Schrumpfnieren, Geschwürbildungen an Magen und Darm und Knochenzerstörungen sind häufige Folgen. Dabei können sich die zerfressenen aufgetriebenen Knochen stark verkrümmen. Wenn die Krankheit schließlich auf die Bänder und Sehnen übergreift, kann es es zu Spontanverrenkungen kommen, die große Schmerzen verursachen.

Im Endstadium 
(Stadium IV) kommt es zur Degeneration des Gehirns und des Rückenmarks mit Folgen von Lähmungen der Gliedmaßen. Es treten psychiatrische Veränderungen in den Vordergrund. Nach einigen Jahren verstirbt der Infizierte an einer Form von Demenz.
  
Vertreter des Syphilis Erregers
Der Erreger der Syphilis gehört zu einer gößeren Gruppe von Bakterien, die durch ihr spiralförmiges Aussehen auffallen. Ihre Länge beträgt etwa 2-15 µm. Sie sind ist in der Lage sich eigenständig zu bewegen und erreichen damit eine hohe Verbreitungsgeschwindigkeit im Organismus. Einige Arten dieser Gruppe sind in tropischen Gebieten beheimatet (Treponema pallidum ssp. pertenue). Andere besiedeln dauerhaft Menschen im mittleren Osten sowie in Afrika und Südostasien (Treponema pallidum ssp. endemicum). Daneben findet man Arten, die keine krankmachenden Eigenschaften (Apathogen) besitzen und den Mund- und Genitalbereich besiedeln können. Die eine Syphilis auslösende Variante gehört zur Spezies Treponema pallidum ssp. pallidum.
Allen Varianten gemeinsam ist ihre Abhängigkeit von Nährstoffen des Wirtes. Daraus begründet sich die Problematik Treponema in Kulturmedien halten zu können, um darüber ihre Eigenschaften zu studieren. Alle Untergruppen des Treponema Erregers sind sehr resistent gegen Hitze und Kälte, gehen aber ab einer Temperatur von 41 Grad Celsius zu Grunde.

Infektionsablauf
Gelangt Treponema pallidum in die Schleimhäute und kann er diese auf Grund kleinster Verletzungen durchdringen, so löst er zuerst lokale Entzündungsreaktionen aus. Diese bleiben jedoch oft unbemerkt. Sehr schnell infiltriert er die Lymphgefäße und verbreitet sich weiter über die Blutbahn. Die Vermehrungszeit der Bakterien im Menschen beträgt etwa 30 Stunden, was erklärt warum die Geschwürbildung erst nach Wochen nach der Infektion sichtbar wird. Bis sich die ersten schmerzlosen Geschwüre an den Genitalien gebildet haben, hat sich der Erreger schon weit in andere Organe ausgebreitet. Das Abklingen und Ausheilen der primären Geschwüre ist somit Ruhe vor dem Sturm. Die sichtbare Besiedelung aller Hautbereiche mit dem Auftreten von Hautläsionen tritt drei bis sechs Wochen nach Erstinfektion auf. Das Immunsystem ist zwar in der Lage die primären und sekundären Infektionsorte erfolgreich zu reparieren, der Erreger bleibt jedoch weiterhin unbehelligt und zerstört progressiv noch Jahre nach Erstinfektion alle Organe. Das Ende ist Sichtum durch Befall des Nervensystems.

Medikamentöse Behandlung und Nachweis
Im Mittelalter fand man Quecksilber als wirksames Mittel gegen Syphilis. Allerdings fiel die Todesrate durch eine Vergiftung mit diesem Schwermetall nicht wesentlich geringer aus.

Erst 1928 konnte der Chemiker Paul Ehrlich nach etlichen Tierversuchen eine Arsenverbindung (Salvarsan) finden, mit der die Heilungschance auf 60% kletterte.

Entscheidend für eine Therapie im frühen Stadium ist eine entsprechende Nachweismethode. Im Jahr 1906 gelang August von Wassermann ein Nachweis des Erregers im Blut. Der nach ihm benannte Wassermann-Test identifizierte Antikörper bei infizierten Patienten. Der Test war allerdings nicht zu 100 Prozent sicher.

Heute werden Antikörper für einen Nachweis des Erregers verwendet. Dabei wird ein Suchtest verwendet, wenn der Syphilisverdacht besteht. Ein Bestätigungstest zielt auf den Erfolg einer Therapie.

Treponema pallidum ist sehr empfindlich gegen das Antibiotika Penicillin und kann daher mit allen erhältlichen Penicillinpräparaten gut behandelt werden. Resistente, also gegen das Antibiotikum unempfindliche Stämme gibt es noch nicht. Die meisten Ärzte empfehlen, vorbeugend auch Sexualpartner zu untersuchen und Penicillin zu verabreichen, da eine Ansteckung durch oder eine Übertragung auf den Partner wahrscheinlich ist.


Statistik über Neuinfektionen
Die Zahl der Syphilis-Infektionen hat sich in Deutschland seit dem Jahr 2001 nahezu verdoppelt. Wurden zu Beginn der Meldepflicht 2001 zunächst 1697 Fälle der Geschlechtskrankheit registriert, waren es 2006 schon 3147 und im Jahr 2012 4410 gemeldete Neuerkrankungen.

Die bis dahin höchste Zahl gemeldeter Syphilisfälle in Deutschland stammt aus dem Jahr 2004 mit bundesweit 3352 Fällen. Das Rober-Koch Instituts ging davon aus, dass sich die Zahlen bundesweit zwischen 3000 und 3500 pro Jahr stabilisieren würde, wobei mit starken regionalen Unterschieden und einem Schwerpunkt in den Städten zu rechnen sei.

Die höchsten Infektionsraten gab es in Berlin i
m Jahr 2011 mit 209 gemeldeten Fällen pro einer Million Einwohner, gefolgt von Hamburg mit 142 und mit 70 Fällen pro einer Million Einwohner in Bremen. Am wenigsten betroffen waren die Bundesländer Schleswig-Holstein, Brandenburg und Thüringen mit weniger als 20 Fällen pro einer Million Einwohner.

Der größte Zuwachs wird bei Männern beobachtet und als Folge der Prostitution gesehen. Allerdings steigt damit verknüpft auch die Erkrankungsrate bei Frauen, wenn auch nicht so stark.



Infizierte Berühmtheiten der Geschichte
Napoleon Bonaparte (1769-1821),
Al Capone (1899-1947),
Heinrich Heine (1797-1856),
Friedrich Nietzsche (1844-1900),
Theo van Gogh (1853-1890),
Oscar Wilde (1854-1900),
Franz Schubert (1797-1828).
Marquis de Sade(1740-1814)
Casanova (1725-1796)